Eines schönen Junimorgens schickte ein Bauer in Privelack seine beiden Knechte zum Mähen des Futters auf das Feld. Bis in den Mittag hinein waren sie emsig am Mähen und legten sich dann nach einer kräftigen Mahlzeit zum Ausruhen ins Gras. Einer der beiden Knechte erwachte plötzlich aus der Mittagsruhe und sah nach seinem Kumpanen, der tief und fest zu schlummern schien. Doch dann beobachtete er etwas Seltsames.
Der scheinbar tief schlafende Kamerad zog einen geheimnisvollen Gürtel hervor und legte diesen um. In dem Augenblick stand ein ausgewachsener Werwolf vor unserem erschrockenen Knecht. Der arme Kerl hielt den Atem an, doch schenkte der Werwolf ihm keine weitere Beachtung. Vielmehr trabte dieser über das Feld, sprang mit einem Satz über den Zaun und schnappte sich das Fohlen, das dort friedlich in der Sonne graste. Er fraß es mit Haut und Haaren und kehrte dann wieder zu seinem Rastplatz zurück. Dort legte er den Gürtel ab und stand wieder in menschlicher Gestalt da. Er reckte und streckte sich und nahm die Arbeit wieder auf.
Der andere Knecht verlor kein Wort über das, was er gesehen hatte. Sein Kollege drehte sich zu ihm um und sprach: „Ich weiß gar nicht, was die Bäuerin uns da eingepackt hat. Mir ist nach dem Essen so bullerich im Leib.“ Worauf der andere erwiderte: „Na ja, wer zum Nachtisch ein ganzes Pferd verputzt, dem soll wohl bullerich im Magen werden.“
Und als am Abend dann der Nachbar nach seinen Pferden sah, musste er feststellen, dass ein Fohlen fehlte.
Der Knecht wiederum war am nächsten Morgen spurlos verschwunden. Keiner hatte etwas gemerkt oder wusste, wohin er des Weges gegangen war. Manche meinten, er sei durch die Wälder ins Mecklenburgische gelangt. Andere vermuteten, dass er über die Elbe gerudert sei, denn es musste ein fehlender Kahn vom gegenüberliegenden Drethemer Ufer zurückgeholt werden.
Die Monate zogen ins Land und es wurde Winter. Ein eisiger Wind pfiff über die verschneite Landschaft. Da lief eines Tages ein mächtiges Tier wie ein großer Hund durchs Dorf. Das Wesen sprang in ein Haus und zerriss einem Mädchen, das dort saß, den roten Unterrock, bevor es durch lautes Schreien der anderen Bewohner des Hauses vertrieben wurde. Später beobachtete ein Fischer, wie der verschwundene Knecht über den Deich lief. Ein roter Stofffetzen hing aus seinem Mund.
Seitdem hat niemand mehr in der Gegend den Werwolf gesehen oder von ihm gehört. Lediglich aus dem fernen Celle erreichte die Menschen die Kunde, dass man dort einen Werwolf gefangen und an einem Baum aufgeknüpft habe. Dieser Eichbaum an der Landstraße von Celle nach Hannover heißt bis heute Wolfsbaum.